Text
Text von Roswitha Schild
Verena Baumann befindet sich nach eigener Aussage an einem Punkt in
ihrem Leben, wo ihr „künstlerisches Verlangen in Richtung grössere
Intimität und damit zur Offenbarung der eigenen Seele“ zielt. Seit bald
einem Jahr zeichnet und malt sie Selbstportraits, nicht
ausschliesslich, aber mehrheitlich. Selbstbildnisse sind die
offensichtlichsten Zeugnisse von Selbstbefragungen künstlerisch tätiger
Personen, und so lassen sich diese mühelos in die Reihe der
Selbstbildnisse hauptsächlich der Abendländischen Kunst seit der frühen
Renaissance einordnen. Einige ihrer reduzierteren Arbeiten,
insbesondere Federzeichnungen, gemahnen sogar fern an Zeichnungen eines
der radikalsten Selbstportraitisten, an Rembrandt van Rijn.
Nun sagt sie selbst, dass diese Selbstbildnisse, tagtäglich vor einem
grossen Spiegel ausgeführt, ihr zu einer Standortbestimmung verhelfen.
Kein festgefahrenes Bild ihrer Selbst mag sie reproduzieren, sondern
sich beobachten im Wandel ihrer Befindlichkeiten. Andere würden ein
solch täglich sich wiederholendes Ritual wohl als konzeptuelle Arbeit
deklarieren, sie hingegen kam eher darauf durch ihre Teilnahme bei draw
365 auf flickr.com. Diese Pflichtübung eröffnete ihr neue künstlerische
Möglichkeiten, denn ist das Sujet eines Werkes klar, kann freier in der
Art der Darstellung experimentiert werden. In einer vorherigen
künstlerischen Phase hatte Verena Baumann mittels Beamer Aussichten aus
ihrem Atelierfenster auf eine Leinwand projiziert und mittels eigens
kreierter Techniken zu teils fast monochromen, teils üppig
farbenfrohen Werken mit ornamentalen Charakter verarbeitet: schön und
in sich ruhend, Balsam für das Auge des Betrachters.
Die schlichte Frage, was sie wohl ohne Beamer täte, brachte sie – die
ursprüngliche Grafikerin – zum Zeichnen, welches sie lange
vernachlässigt hatte, zurück. Die Unmittelbarkeit der Zeichnung
entsprach ihrem derzeitigen Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit. Fast
unglaublich scheint bei der so ruhig auftretenden Künstlerin die
Spannbreite der Stimmungen ihrer Selbstportraits. Dissonanz ist ein
grosses Thema, da ihrer Meinung nach erst durch die Reibung an dieser
ein berührendes Werk entstehen kann. So vergleicht sie, die
Zeitgenössische Musik, etwa von Philip Glass oder Jazz, liebt, ihre
Arbeiten gern mit einem Song, der aufgeregt, neugierig, verschlossen,
verstört, zufrieden oder euphorisch sein kann. Ihren Dialog mit der
Betrachterin vergleicht sie mit dem einer Sängerin mit dem Publikum.
Sie will also weder belehren noch etwas beweisen, sondern die
Betrachterin einfach durch visuell vermittelter Emotionalität berühren.
Dazu gehört, dass sie gern schon benutztes Papier verwendet:
beschriebene Seiten, Verpackungspapier von Metzgern oder Bäckern. Auch
die Verwendung von Goldfarbe soll vermittelnde Wärme schaffen: Kunst
mitten ins Herz!
November 2010
Text Annelise Zwez:
Integriert in die Weihnachtsausstellung ist das „Freispiel“ im
Graphischen Kabinett – Präsentationen von Kunstschaffenden, die dem
Kunstverein-Vorstand 2009/10 aufgefallen sind. Es sind dies heuer
Esther Ernst, Barbara Wiggli, Kaspar Flück und Verena Baumann. Eine
Überraschung bilden die täglich vor dem Spiegel ausführten
Selbstporträts. ...Obwohl als Motiv und Vorgehensweise nicht neu,
heischt die Vielfalt der
Blicke, der Stile und die Dezidiertheit des Strichs Respekt.
Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 25. November 2010
Jahresausstellung der Solothurner Künstler 2010
Das lokale Fundament in seiner Vielfalt
www.annelisezwez.ch
Text N. D.:
The rise and flourishing of
conceptually based art in the second half of the 20th century has lead
to a situation where little room has been left for the creator whose
instincts are more in line with art's original and most practical
purpose. From the very beginnings of human culture the artist has
served society as healer and dreamer and often as the revealer of a
sacred order previously hidden from view. The very necessity for
curative methods within human society has inspired the artist
throughout human history to find forms of magic beyond the ordinary
limitations of language and intellect, to touch directly and skillfully
the most basic of human needs: the revelation of the unconscious and
the deeply felt yearnings of the human heart and mind. It is the
development and expression of these magical activities that has given
the artist a needed and most valid position within society.
The visual world of Verena Baumann
rests securely within this tradition. Her work has a tender, trusting
expression of the unconscious and her abilities enable her to render
these visions with a delicate and vulnerable feminine grace. This is
all done within the context of an imaginative, formal style appropriate
for the subject matter she is presenting. Her sense of image never
manifests as an object depicted, but always rests in a that sublime
balance where the materials of that depiction blossom as pure and
nurturing form while simultaneously her use of image touches us
directly as poetic expression. It is this union of method and meaning
that most distinguishes her art, for it can transform the viewer from a
fragmented state of emotion to one of calm and resolve. The fact that
Baumann can accomplish this feat in three different mediums is
admirable. Her drawings, with their playful and subtle sense of line,
are deeply gratifying for the eye. The sincerity of the image, in union
with these lines, is often heart breaking in its depth and tenderness
of expression. Her paintings bring forth a highly developed sense of
color as pure beauty. A profound and unusual palette expresses
simultaneously the raw psychological qualities of the image-world she
has created and the skillful necessities of that visual depiction.
Often these have that unspeakable feeling of things that dreams are
made of. The charm of these depictions, whether animal, human or
landscape bring out a sense of wonder and hidden memory.
And finally there is her
photography, if photography is the proper name for these stunningly
unusual creations. Though a camera is used and the results are
presented in a traditional photographic manner, what we actually see is
closer to the nature of painting than picture taking as such. Baumann
has managed with the simplest of techniques to find within the our
natural world of occurrence little theaters of pure mystery. Her sense
of color is highly articulate and the unity of composition is
inseparable from the world we see within these photos.
Her work throughout these three
mediums is of great beauty and modesty. It is imbued with a sense of
genuiness that is in itself an act of healing.
N. D.
June 21, 2010
Text Eva Buhrfeind
Eva Buhrfeind: Die beiden Künstlerinnen Verena Baumann und Anna
Weber weisen Seelenverwandtschaft auf und stehen doch für ganz
eigenständigen künstlerischen Ausdruck.
Schlösschen Vorder-Bleichenberg Biberist.
Nun sind sie doch wieder kräftiger in der Tonalität geworden, auch wenn
die kleinen Situationen, die Kompositionen und Figurationen noch in
sich gekehrt sind. Die Gegenständlichkeit hat eben immer die Malerei
von Verena Baumann bestimmt. Bekannt geworden ist die 44-jährige
ausgebildete Grafikerin mit farbkräftigen Bildtafeln, auf denen sie
realistisch mit hintergründiger Süffisanz alltägliche Frauenthemen zum
klassischen Rollenverhältnis allegorisierte. Doch ihre einstige, eher
plakative Gegenständlichkeit hat sich zunehmend zu stillen Bildmomenten
verwandelt, die dem Malen eine befreite, differenzierte Form geben.
Hinzu kam 2002 der Aufenthalt im Pariser Atelier des Kantons Solothurn,
und damit Licht und das Lichte als weitere Erfahrung.
NACH DER PASTELL-LICHTEN Phase sind es einfache Bildideen geblieben,
mit denen die in Biberist und Paris lebende Verena Baumann
Traumartiges, Visionen, Erlebtes zu vielschichtigen Impressionen
verwebt. Aber die treibende, die zentrale Kraft ist die Faszination,
mit den Farben und Formen ihre ganz eigenen Stimmungserfahrungen zu
erreichen. Ob im malerischen Prozess intensiv durchlebt oder von einer
gewissen Leichtigkeit, diese Acrylbilder leben diese von und durch die
Spannungen aus hellen und dunklen, transparenten und kompakten
Tonalitäten, von figurativen Bildmomenten und im Raum befreiten Formen,
die den Betrachter entführen, aber auch von den Erlebnissen und
Eindrücken der Künstlerin erzählen: Augenblicke in Paris, märchenhafte
Szenen, düstere Atmosphären, Farberlebnisse, die zu anekdotischen
Formen werden, Formen, die aus ihren Farbwerten vieldeutige
Impressionen schöpfen.
Jedes Bild hat dabei seine kleine Geschichte, hat seine vielschichtigen
formalen Perspektiven und inhaltlichen Ebenen. Manches scheint
vexierbildartig oder sinnbildhaft verschlüsselt. Aber stets regen sie
den Betrachter zu eigenen Geschichten und Emotionen an. So auch in den
Monotypien, deren einfache Bildentstehung aus arrangierten,
fotografierten und auf den Bildhintergrund projizierten Inszenierungen,
die dann flächig ausgemalt, später im trockenen Zustand übermalt und
mit strukturiertem Haushaltspapier wie ein Druck behandelt werden.
Auch wenn Verena Baumann und Anna Weber Künstlerfreundinnen, ja eine
Art Seelenverwandte sind, sich in dieser Ausstellung ihre Arbeiten
rücksichtsvoll kreuzen, so stehen Ausdruck und Intention eigenständig
für sich. Anna Weber – sie hat schon einmal 1988 gemeinsam mit ihrem
Vater Adolf Weber im Schlösschen ausgestellt – ist ebenfalls 1964
geboren und lebt und arbeitet in Zürich und in Naters. Ihr
künstlerisches Gebiet umfasst die Malerei, der später Videoarbeiten und
Fotografien folgen und sich jetzt wieder die Malerei anschliesst. In
dieser Ausstellung nun präsentiert sie verschiedene Arbeiten aus den
verschiedenen Schaffensphasen, die letztlich alle mit der Wirkung des
klassischen Bildes operieren. Die älteren Videoarbeiten werden im
gemächlichen Ablauf zu intensiven Momentaufnahmen, das fotografierte
Textile wird zur zeichnerischen oder skulpturalen Idee. Auf einer Reise
durch Afghanistan entstehen Fotografien, die eine sinnliche malerische
Position zwischen Landschaft und Stillleben beziehen. Wie überhaupt die
Fotografie bei Anna Weber kompositorische und motivische Eindrücke
vereint. Bäume, das reflektierende Licht, das Geäst lassen sich wie
zeichnerische Impressionen, wie Bildmuster der Natur lesen. Während die
Aufnahmen von einem Besuch im klassischen Skulpturensaal im Musée
d’Orsay mit der figürlichen Konfrontation zwischen Besuchern und
antiken Skulpturen spielen. Anna Weber zeigt einen Stand der Dinge
zwischen anekdotischer Figuration, Stimmungen und reduzierter
Abstraktion.
© Solothurner Zeitung, Ausgabe vom 11.11.2008
Text Silvia Mutti
artensuite
Silvia Mutti: «Sickerndes Licht»
Ausstellung von Verena Baumann in der Galerie Quellgasse 3, Biel
Seitdem Verena Baumann 2001 das Atelier-Stipendium des Kantons
Solothurn für Paris erhalten hat, ist ihr die Stadt an der Seine als
künstlerische Heimat ans Herz gewachsen. Ganz ohne Plan durch die
weitverzweigten Strassen zu streifen und aufmerksam schauend immer
wieder Neues zu entdecken, bereitet ihr grosses Vergnügen: «Ich finde
es schön, dass die Stadt so unübersichtlich ist. Ich liebe den Raum, er
gibt mir das Gefühl, als würde er nie aufhören. Zudem ist Paris
ästhetisch verfeinert, manchmal geradezu künstlich.» Trotz der
Weitläufigkeit der Metropole, beschränken sich Verena Baumanns aktuelle
Werke, die gegenwärtig in der Galerie gq3 in Biel zu sehen sind, auf
ihre unmittelbare Lebensumwelt. Ein Fenster ihrer Wohnung, die zugleich
als Atelier genutzt wird, mutiert zum Fenster zur Welt? zur Bilderwelt.
Es gibt die Sicht auf einen Platz mit einer Trauerweide und Büschen
frei, ein unspektakulärer Ort, der ins Zentrum von Verena Baumanns
Gemälden rückt, die die Künstlerin auch als «innere Bilder» versteht.
Mittels Filmaufnahmen trägt sie den Aussenraum in das Atelier hinein
und projiziert die Videos anschliessend auf Leinwände, wo die Sujets in
der malerischen Bearbeitung festgehalten werden. Der
Übertragungsprozess durch die künstlerischen Medien hindurch erfordert
technisches Geschick und die rasch trocknenden Acrylfarben eine
spontane, konzentrierte Arbeitsweise. «Es gehört sehr viel Glück dazu»
sagt Verena Baumann, «der Wille zu einer bestimmten Gestaltungsweise
ist gewiss sehr stark, doch vieles muss ich dem Zufall überlassen.» So
ist die Freude über ein gelungenes Bild gross, denn sehr oft, räumt
Verena Baumann ein, missglücken die Versuche. Die Leinwände sind mit
einem hellen Grund präpariert, worauf eine zweite, dunklere Schicht
darübergelegt wird. Noch bevor diese trocknet, wird das Licht durch
Wegwischen der oberen Farbschicht aus dem Untergrund hervorgeholt und
dabei die Konturen der Sujets modelliert. Indem sie zudem ein geblümtes
Haushaltspapier auf die frisch bemalte Leinwand drückt, erzielt Verena
Baumann den verblüffenden Effekt eines filigranen Blumenmusters, das
wie ein zarter Vorhang über dem Dargestellten schwebt. Baumanns Malerei
erweckt Assoziationen zu gerasterten Bildschirmmonitoren, gepixelten
TV-Bildern oder zur Fotografie, die im Entwicklunsbad langsam ihr
Abbild preisgibt. Ihre vielschichtigen Sujets animieren zum langen
Hinschauen, bis man zwischen Reflexionen in feucht anmutenden
Schleiern, von aussen nach innen von zarten Stimmungen umfangen wird.
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von artensuite anschauen
Ausgabe 12, Dezember 2007
Text Pia Zeugin
MONOTYPIEN
Die Biberisterin in der Galerie gq3 Biel.
Früher waren es die Impressionisten, heute ist es Verena Baumann.
Ein grosser Vergleich? nicht wirklich zulässig. Und doch: Die neuen
Monotypien Baumanns in der Ausstellung «Sickerndes Licht» sind ähnlich
stimmungsschwanger wie die Gemälde Monets, Degas, Renoirs und Pissaros.
Vergleichbar mit grossen Vorbildern sind die malerischen Blicke aus dem
Fenster auf die abendnasse Strasse rasche Momente, gesehen vom Pariser
Atelier der Künstlerin.
Strassenlampenschein, Scheinwerferlicht und sich im Asphalt spiegelnde
dumpfer Schimmer aus den Wohnungen taucht Baumann ein in grüne,
bläuliche und violette Farben.
Die bald 44-jährige Werkjahrpreisträgerin lebte vor fünf Jahren im
Pariser Atelier des Kantons Solothurn, in der Cité International des
Arts. Und sie blieb in Paris, obwohl sie sagt, nicht zur Szene zu
gehören. «Ich arbeite viel für mich.» Es ist also nicht die Kunst, es
ist die Stadt, die Baumann nicht mehr loslässt. Die Künstlerin, die
sich in Bern zur Grafikerin ausbilden liess, will die neuen
Strassenbilder besonders auszeichnen und ausschmücken. Neu ist die ganz
eigene, raffinierte Drucktechnik, bestehend aus dem Einmalabzug
(Monotypie) auf Leinwand, in Kombination mit Bildprojektionen und
Malerei. Um die Bilder nicht zu entzaubern, möchte Baumann die Technik
nicht erklären. «Die Bilder sind irgendwie mystisch. C'est tout.»
Galerie Quellgasse 3, Biel. Bis 15. Dez. 2007
© Solothurner Zeitung, Ausgabe vom 27.11.2007